Samstag, 2. Januar 2021

Freitag, 1. Januar 2021

Herbstlande / "Die Reisen des jungen Haselhorn" von Markus Heitkamp

Jo, Erwachsene sind gemein und kaufen den Kindern die Märchen weg. Daher gibt es jetzt seit neuestem Märchen speziell für Erwachsene. "Die Reisen des jungen Haselhorn" ist ein solches Märchen, welches zumindest den IQ eines Schattentausendeineinhalbfüßlers voraussetzt. Wie kennt Ihr nicht? Zum Glück gibt es im Buch ein ausführliches Glossar, wo alle fremdartigen Kreaturen und Gegebenheiten in Herbstlande erklärt sind. Somit sind für das Buch keine Vorkenntnisse aus zu den bereits existierenden Herbstlande Novellen notwendig.

Das Buch lebt von Absurditäten. Der Autor schafft es, aus einer Reihe von überraschenden Szenen einen in sich logischen Erzählstrang und eine stringente Handlung aufzubauen. Er scheint viel von seinen Lesern zu halten, denn er mutet ihnen allerlei Zwischenspiele zu, die zeit- und dimensionsübergreifend sind. Das Buch hat nur 115 Seiten, aber gewiss muss die eine oder andere Seite zweimal zum besseren Verständnis gelesen werden. Es sei denn, Ihr habt drei Augen wie ein Zylinderbackenbartfisch.

Aber jetzt mal Budder bei die Fische. Die Kernbotschaft des Märchens ist, dass es Individuen gibt, die anders sind und durch einen Tick oder Handicap möglicherweise unangenehm auffallen. Dennoch haben diese Personen oft erstaunliche Fähigkeiten ausgeprägt. Jeder liebt Eichhörnchen, aber ist es noch liebenswert, wenn es uns derbe beschimpft, so aus dem Blauen heraus, ganz unvermittelt und zusammenhangslos. Sind wir so tolerant, wie die Amme, die Leichtmatrosen und andere Parallelpantoffelsteller? Ich kannte diese Krankheit bereits aus dem Film "Ein Tick anders" und lebe sie selbst bei einer Autofahrt gerne aus.

Manchmal frage ich mich, was schlimmer ist, anders zu sein oder einfach in der grauen Masse der Gleichen unterzugehen. Eigentlich ist es in unserer Zeit wichtig, nicht alles gleich zu machen, sondern durchaus gegen den Strom oder im Bauch eines gutmütigen Schlappwals zu schwimmen. Außergewöhnliche Menschen haben es aus meiner Sicht einfacher im Leben und werden reich wie üblicherweise ein Haselhorn, wenn sie durch irgendeine Macke auffallen.

Ich war skeptisch als der Autor im Vorwort erwähnte, dass er humorvoll schriebe, denn ich hatte vor nicht allzu langer Zeit ein anderes Buch gelesen von einer Autorin, wo das ähnlich behauptet wurde. Der Humor war so, wie wenn man trotzdem lacht. Im Haselhorn Buch hingegen trifft es eher meinen Geschmack. Es ist eine abgedrehte abstruse Geschichte deren Szenen und Formulierungen intelligenten Humor verkörpern.

Ich weiß eigentlich nicht, wohin das Ganze führt, aber ich habe ein gutes Gefühl. Möglicherweise führt die abenteuerliche Reise des Haselhorns und dem Dreizeh-Po, dem automatischen Begleitsystem, ins Nichts. Doch nichts ist wertvoller als alles andere. Also bekommen wir als Leser nichts. Wir müssen uns schon selbst Gedanken machen, was wir aus dem Märchen lernen.

Vielleicht helfen Euch auch die Aufzeichnungen des Reisenden, aber am besten ist, Ihr Käseloch-Priester reist einfach selbst mit der Vergissmeinnicht - dem Schiff der Reisenden.

Die unwissende Magierin (Magie der Natur 1) von Marlene Beer

Pfad-Phinn-dung zur Magie

Der Fantasyroman "Die unwissende Magierin"" für Jugendliche und junggebliebene Erwachsene ist super gut von Marlene Beer geschrieben. Ich finde es erstaunlich, wie viel Inhalt sich auf 151 Buchseiten verpacken lässt. Es ist ein kurzes Buch und ich muss aufpassen, dass meine Rezension nicht länger wird. Es ist eine Kunst sich so kurz zu fassen und dennoch abgerundet eine Geschichte zu entwerfen.

Die Geschichte fängt mit einfühlsamen Begleitkommentaren der Autorin an, um dem Leser den gedanklichen Einstieg in die Handlung zu erleichtern. Später ist das nicht mehr notwendig, ich bin längst abgetaucht in die mittelalterliche Welt voller Magie. Die einen bekämpfen die Magie, die anderen nutzen sie. Nicht immer ist die Anwendung regelkonform. Zudem werden oft lästige Aufgaben mit ihr erledigt, wie der Abwasch. Nicht selten verleitet die Magie dazu, dass der Mensch sie einsetzt in einer Auseinandersetzung. Oder ist es umgekehrt?

Folgende Gedankenspiele gehen mir nun nach dem Lesen des Buches durch den Kopf. Bin ich selbst auch ein unwissender Magier? Wird die Magie nicht trotzdem vererbt, obwohl wir vergessen haben, sie zu nutzen? Spüre ich nicht bei jedem Waldlauf und jeder Wanderung den Zauber der Natur? War es wohlüberlegt vom Meister, die Magie der Natur aus den Händen zu geben? Richtet sie sich jetzt spürbar für uns alle gegen uns?

Wir werden mit den Waffen geschlagen, die unsere sein könnten. Kleine Drachen zum Beispiel, hach, wie gerne hätte ich einen. Ich kenne nur große Drachen in meiner Umgebung vor allem, wenn sie hochentzündlichen Fusel getrunken haben.

Ich schwöre mir innerlich die Magie in mein Leben zurückzuholen. Ich weiß, ja jetzt durch das Buch, wie es geht. Es fängt alles an, dass wir die Erde formen mit unserer Kreativität. Davon habe ich jede Menge. Rette sich wer kann.

Für mich bleibt eine Frage unbeantwortet. Hat Arah, die unwissende Magierin, bei ihren Bogenschießübungen unabsichtlich den Wolf getroffen? Unbedeutend? Nun, manchmal glauben wir Hergänge anhand von Indizien zu wissen, aber entspricht es der Wahrheit. Details können große Auswirkungen haben. Möglicherweise dazu, dass ein Mensch sich rächt und dabei vollkommen auf dem Holzweg ist.

Bei einer Aussage der Autorin muss ich widersprechen. Wir Menschen sind nicht gleich. Nicht nur, dass jeder unterschiedliche Fähigkeiten und Ansichten, Bewertungen entwickelt, es gibt einfach auch Menschen, die über den Dingen dieser Welt stehen und unser aller Leben massiv beeinflussen. Und ohne Magie haben wir auch keine Garantie für Frieden. 2020 gab es mehr Kriege als das Jahr Monate hat. Nichts mitbekommen? alles Fiktion? Entscheidet, wo ihr leben wollt, die rote oder blaue Pille?

Bei den 13 Jahren im "Wachkoma" des Magiers musste ich an meinen Schwiegervater denken, der sich seit zwei Monaten im Krankenhaus befindet. Er hat ein Mobiltelefon mit dem er nicht klar kommt, kein Fernseher und darf keinen Besuch empfangen. Selbst über Weihnachten nicht. Es ist oder war ein hochkommunikativer Mensch. Wir merken mit jedem mal, wo er Kontakt zur Außenwelt findet, wie er geistig abbaut. Es gibt keine Denkimpulse, keine Herausforderung mehr in dieser Zeit. Wie brutal unsere Gesellschaft geworden ist. Wir bauen zwar kein Scheiterhaufen wie im Buch auf, aber wir isolieren uns von denen, die Hilfe nötig haben und schauen zu (manche mit Lobgesängen). Im Buch ist Arah auch von ihrem Vater getrennt.

Zum Glück gibt es Bücher, wie dieses, die aufrütteln. Aber bitte nicht mit Gewalt, wie im Buch. Dialog ist angesagt, lasst sie sprechen, egal ob Hexe, Magier, mein Schwiegervater oder die Natur.

Vielleicht können wir wie im Buch eines Tages, wie die unwissende Magierin, unsere Magie entdecken. Es bedarf sicherlich am Anfang Unterstützung. Eines ist klar, wie finden die Magie in der Natur.